»Dieses Jetzt, von dem du sprichst, existiert so gut wie gar nicht. Wir spüren es, aber es lässt sich nicht messen. Die Vergangenheit ist ständig dabei, die Gegenwart aufzufressen.« Ich strich ihm übers Haar und schwieg eine Weile. »Ich glaube deshalb habe ich Gemälde immer geliebt. Jemand bemalt irgendwann eine Leinwand, aber wenn er damit fertig ist, bleibt das Gemälde in der Gegenwart. Ergibt das für dich einen Sinn?« »Ja«, sagte Matthew. »Auf jeden Fall. Ich mag es, wenn Dinge ganz, ganz lange halten.« Er blickte zu mir auf. Dann atmete er tief ein. »Ich habe mich entschlossen, Dad. Ich will Künstler werden.«
aus Siri Hustvedt, Was ich liebte

Aggsbach Markt, Jänner 2016

„Die oberste Regel des Nouveau Régime ist die Regellosigkeit. Ein anderes Wort dafür ist Willkür. Es ist eine merkwürdige Mischung: eine anarchisch-libertäre Entfesselung, die sich als Befreiung geriert – und in das Autoritäre mündet. Denn Regeln sind – oder waren – die Grundlage der Demokratie als politische Ordnung zur Einhegung, zur Eingrenzung von Macht (zumindest ihrem Ideal nach). Geboten wird das Schauspiel eines Umbaus des Staates, eines Sprengens des demokratischen Korsetts auf offener Bühne. Weg von den letzten Resten sittlicher Bindungen und Rücksichten – hin zum offenen, unverstellten, unverhüllten, zum nackten materiellen Interesse. Einiger weniger.“

Isolde Charim, „Von der Demokratie zum Monarcho-Kapitalismus“, Falter 5/2025 vom 28.01.2025